Daten weitergeben tut nicht weh – zumindest nicht sofort

Wem gebe ich meine Daten? Wem besser nicht? Und wer hat sie schon? Beim Vernetzungstreffen der BMBF-Fördermaßnahme „Mensch-Technik-Interaktion für digitale Souveränität (DISO)“ am 15. Juni 2021 beleuchteten die insgesamt zehn Verbundprojekte der Bekanntmachung das Thema Datenschutz in all seinen Facetten. Dabei präsentierten sie auch Ansätze für eine bessere Datennutzung.

Der Mensch nutzt in seinem Alltag viele Apps und Webdienste, die persönliche Daten verarbeiten um ihm das Leben zu erleichtern. Die Projekte der Förderbekanntmachung DISO arbeiten an Konzepten, die dem Menschen einen reflektierten Umgang mit seinen eigenen Daten ermöglichen sollen. ©guvendemir / istockphotos

Haben Sie schon einmal vom Privacy Paradox gehört? „Das Privacy Paradox bezeichnet die Diskrepanz, dass Menschen ihre persönlichen Informationen im digitalen Alltag teilen, trotz großer Bedenken um die eigene Privatsphäre“, sagt Prof. Dr. Johannes Schöning. Das heißt: Viele Nutzende geben im Internet schnell ihre Daten preis. Gleichzeitig sind sie darüber besorgt. Kein Wunder: Große Firmen haben sich darauf spezialisiert, mit Daten Geld zu verdienen. Und Datenschutz-Maßnahmen wie Cookie-Banner stören im Alltag eher.

Das Weitergeben von persönlichen Daten ist nicht grundsätzlich falsch. Oftmals profitieren Nutzende sehr von der Nutzung von Apps und Webdiensten, die ihre Daten verarbeiten. Auch gibt es Beispiele, in denen der Mensch anderen hilft, indem er seine Daten teilt – etwa bei der Nutzung der Corona-Warn-App. Eine aktuelle Umfrage des Digital Autonomy Hubs zeigt in diesem Zusammenhang, dass fast die Hälfte der Deutschen ihre Gesundheitsdaten der Forschung zur Verfügung stellen würden. Oft wissen die Menschen aber gar nicht, wem sie welche Daten geben. Die Projekte der Fördermaßnahme DISO wollen Internet-Nutzenden daher zu einem reflektierten Umgang mit den eigenen Daten verhelfen. Beim Vernetzungstreffen hatten sie Gelegenheit, sich auszutauschen und Zwischenergebnisse des ersten Forschungsjahrs zu präsentieren.

Wenn User einen digitalen Dienst verwenden, soll es schnell gehen
Warum wir unbedacht Daten weitergeben, erklärt Dr. Dennis-Kenji Kipker vom Projekt UsableSecAtHome. Das Projekt beschäftigt sich mit einem der größten Probleme beim Datenschutz: Intransparenz. „Wenn User einen digitalen Dienst verwenden wollen, soll es oftmals schnell und damit unkompliziert gehen“, so der Jurist der Uni Bremen. „Niemand möchte lange und komplex formulierte Rechtstexte lesen.“ Das führe beim User zur Überforderung. „Verbunden mit der Erkenntnis, dass die Verarbeitung von personenbezogenen Daten erst einmal nicht weh tut.“ Die Forschenden des Projekts sind sich sicher: „Datenschutz kann nur transparenter werden, indem man das Thema gemeinhin besser zugänglich macht.“ Und das könne nur durch Reduzierung der Komplexität geschehen.

Die Bremer Forschenden nutzen ein Smart Home als Fallbeispiel für Ihre Lösung. Hier kommen viele Nutzerdaten von unterschiedlichsten Geräten zusammen. „Das Projekt entwickelt eine AR-Simulation, um Datenströme und Rollenverteilung im Smart Home-Ökosystem zu visualisieren und damit möglichst leichtverständlich und barrierefrei greifbar zu machen.“

Datenschutzerklärungen sind nicht nutzerfreundlich gestaltet
Einen Ansatz aus dem Bereich Gamification lieferte Prof. Dr. Johannes Schöning vom Projekt InviDas: „Datenschutzerklärungen sind nicht nutzerfreundlich gestaltet, bestehen aus langen rechtlichen Texten, erfordern eine vollumfängliche Zustimmung und sind nur schwer vergleichbar“, so Schöning. „Die Folgen sind ein geringes Verständnis, eine niedrige Lesebereitschaft und keine differenzierte Kontrolle über den eigenen Datenschutz.“

InviDas verfolgt zwei Ansätze: verständliche, interaktive Visualisierungen von Datenschutzerklärungen und das spielerische Trainieren der eigenen datenschutzrechtlichen Kompetenzen durch ein digitales Escape Room Spiel. Statt lange juristischen Texte durcharbeiten zu müssen, können Nutzende somit auf spielerische Weise einen Einblick in unterschiedliche Datenschutzerklärungen erlangen.

Jeder muss abwägen – und braucht dafür Mittel und Wege
Die Projekte präsentierten eine Vielzahl spannender Ansätze, um Nutzerinnen und Nutzern den Datenschutz ins Bewusstsein zu rufen. Darunter etwa Microlearning oder Risikoeinschätzungen genutzter Apps. Eines machen jedoch alle Projekte deutlich: Jeder Mensch muss immer wieder aufs Neue abwägen, wie wichtig ihm Datenschutz im jeweiligen Kontext ist. Denn genau genommen, birgt das „Privacy Paradox“ gar keinen Widerspruch. Der Begriff verdeutlicht lediglich den Zwang zum ständigen Abwägen zwischen Datenschutzinteressen auf der einen Seite und den Vorteilen des Datenteilens auf der anderen. Um diese Abwägung jedoch individuell und fundiert vornehmen zu können, braucht der Mensch Informationen und geeignete Hilfestellungen.